Einige Diskussionen in den vergangenen Wochen haben mich dazu bewogen, endlich ein Thema aufzugreifen, das ich schon länger auf meiner Liste habe: Das innere Outing, die Erkenntnis, dass man in sexuellen Dingen anders tickt als die (meisten) anderen um einen herum, und das Eingestehen dieses Andersseins sich selbst gegenüber.
Ich selbst habe, obwohl in vielen anderen Dingen eher unsicher, ironischerweise dieses innere Outing nicht bewusst durchgemacht. Seit ich zurückdenken kann, habe ich gewusst, dass ich anders bin. Und schon als Kind habe ich gemerkt, dass es nicht unbedingt opportun ist, die eigenen Neigungen zu Seilen öffentlich zu machen. Jedoch habe ich wegen meiner Vorlieben nie jene Schuldgefühle gehabt, die so viele Gleichgesinnte plagen. Krank? Ich doch nicht. Selbstzweifel? Nö – jedenfalls nicht in dieser Hinsicht.
Von Vorteil war hier vermutlich, dass ich in Sachen Bondage und dann auch BDSM kein Spätberufener war, selbst wenn mir damals die Begrifflichkeiten unbekannt waren. Kink & Co. als Kick waren schon vor dem eigentlichen Erwachen meiner Sexualität in mir verwurzelt. Als das Thema relevant wurde, schien mir eine Vanilla-Beziehung nicht interessant genug, um als Alternative ernsthaft in Frage zu kommen; dann lieber gar nicht und weiter umschauen. Mein Problem war es nicht, mit der eigenen Neigung klarzukommen, sondern eine passende Partnerin zu finden und in der tiefsten Provinz den Anlauf dazu zu wagen. Weit vor dem Internet und seinen befreienden Möglichkeiten war es schon ein Problem, überhaupt jemanden zu finden, mit dem man über das Thema reden konnte, ohne gleich ausgegrenzt zu werden.
Insofern sind mir die Qualen fremd, die jemand durchmacht, wenn er nach einer längeren Phase des „Normalseins“ langsam oder schlagartig feststellt, zu den „Perversen“ zu gehören und Dinge zu mögen, die in der Öffentlichkeit meist sensationslüstern in schwärzesten Farben gemalt werden. Die so im Kopf eingebrannten Klischees werden mit negativen Gefühlen verknüpft, nicht zuletzt wegen des Konformitätsdrucks – man will ja nicht krank und pervers sein.
Unter diesen Voraussetzungen ist der Weg zu sich selbst oft steinig. Viele brauchen mehrere Anläufe, probieren verschiedene Spielarten und Richtungen aus, ziehen sich dann wieder ins Vanilla-Dasein zurück und überlegen, ob sie „das da“ wirklich mögen. Dieses Pendeln zwischen Sehnen und Zurückhaltung führt zu typischen Reaktionen: In Anfällen von Zweifeln und Selbstekel werfen die Betroffenen mühsam und oft mit erheblichem finanziellen Aufwand zusammengetragenes Spielzeug und einschlägige Literatur weg oder zerstören beides im Versuch eines Reinigungsrituals – oft sogar mehrfach. Heutezutage erstreckt sich der Do-it-yourself-Exorzismus auch auf den Computer, auf dem Bookmarks, Browsercache und -history gelöscht werden, Bilder und Texte von der Festplatte geworfen, und die als abartig empfundene Neigung wird am besten vor einem selbst versteckt.
Lebt jemand schon länger in einer herkömmlichen Beziehung, bevor er darauf kommt, dass da etwas Wichtiges fehlt, macht das die Sache nicht einfacher: Eher selten folgt einem der Partner auf den neuen Pfaden, und viel zu oft stehen Betroffene vor dem Dilemma, entweder auf die langjährige Beziehung oder die eigene Erfüllung verzichten zu müssen; keine gute Voraussetzung für dauerhaftes Glück. Und kommt jemand über den Partner auf den Geschmack und holt so verschüttete Begierden wieder ans Tageslicht, verhindern auch hier oft Zweifel die individuelle Zufriedenheit. Da schleicht sich der Gedanke ein, dass man nur des Partner zuliebe mitspielt, womöglich von seinem Gegenüber nur noch um des Mitspielens wegen geschätzt und als Partner angenommen wird – ebenfalls Gift für vertrautes und vertrauensvolles Miteinander.
Hier ist es wichtig, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, Sachen auszuprobieren, Vorstellungen und Fantasien auszuleben und sich so letzendlich frei zu spielen. Die ersten Schritte sind dabei schwierig, zumal man sich dabei unter Umständen auch noch selbst unter Druck setzt. Aber sie sind der Anfang eines Weges, auf den man sich wagen sollte. Das abgedroschene „Alles kann, nichts muss“ hat gerade hier seine Berechtigung: Entspannen, locker lassen und die Chance nutzen, den Stein vom Herzen zu schubsen – und dabei rechtzeitig die Füße wegzuziehen.
Das innere Outing ist meiner Meinung nach übrigens unabhängig vom Outing nach außen zu sehen. Dieses zweite, „soziale“ Outing ist weder zwingende Voraussetzung noch zwingende Folge des inneren Outings. Um mit mir selbst im Reinen über meine Sexualität und das Drumherum zu sein, muss ich weder Familie, noch Freunde, noch Arbeitskollegen offensiv darauf aufmerksam machen, was ich im Schlafzimmer und anderswo gerne treibe. Für manchen mag ein Bekenntnis à la „Ich bin BDSMer, und das ist gut so“ der ultimative Befreiungsschlag und Schlusspunkt des inneren Outings sein. Doch nicht zuletzt aufgrund äußerer Umstände und drohender Folgen wie Karriereende oder Sippenhaft auf dem Dorf ist es nicht immer die klügste Variante.