Montag, 29. Oktober 2007

Tribut an den Meister

In Erinnerung an den 2005 verstorbenen Akechi Denki hat einer seiner Schüler im vergangenen Jahr eine schwarz-weiße Shibari-Fotoserie gestaltet. Makellose Seilführung, starke Bilder.

Spurensuche

Woran liegt es, dass manche(r) so auf Bondage abfährt? Die alte Weisheit, wonach das größte Sexualorgan zwischen den Ohren sitzt, dürfte sich nicht nur auf Phantasie und Prägung beziehen. Eventuell könnte es auch in ganz handfesten physiologischen bzw. neurologischen Reaktionen begründet sein, dass Fesseln einen besonderen Reiz entwickeln.

Vor einigen Jahren untersuchte Gert Holstege, Professor für Neuroanatomie an der Universität Groningen, was sich beim Orgasmus im menschlichen Gehirn abspielt. Dazu ließ er eine Reihe von Männern und Frauen unter einem PET-Scanner sowohl echte als auch falsche Höhepunkte erleben. Die Ergebnisse erlaubten in erster Linie Aussagen über den weiblichen Orgasmus – bei Männern war alles zu schnell vorbei, als dass es von den Messinstrumenten erfasst hätte werden können. Grundsätzlich zeigte sich jedoch, dass sich Männer mehr auf physische Stimulation konzentrierten, während sich bei Frauen mehr im Kopf abspielte.

Im Zusammenhang mit dem Thema dieses Blogs interessant ist die Tatsache, dass anders als bei einem vorgetäuschten neben anderen Hirnarealen das Angst- und Emotionszentrum bei einem echten Orgasmus gewissermaßen „heruntergefahren“ wird. „Loslassen“ spielt eine große Rolle. Die Freiheit von Furcht, Sorgen und Ablenkung ist eine wichtige Voraussetzung für einen echten Höhepunkt. Bondage kann das Erreichen dieses Zustands unterstützen, ermöglicht das Fallenlassen, das Abgeben von Verantwortung. Insofern könnten Bondageliebhaber im Vergleich zu Vanillas nur leicht seitwärts vom Scheitelpunkt der Glockenkurve sitzen.

Montag, 22. Oktober 2007

Hinter den Kulissen

In interessanten Interviews plaudern Modelle und Fotografen über ihre (nicht nur professionelle) Einstellung zu Bondage, ihre Vorlieben und Abneigungen und ihren Alltag diesseits und jenseits der Kamera. Bei Leuten wie Jim Weathers und J. B. Roper habe ich den Eindruck, dass da Amateure im klassischen Sinn am Werk sind – Menschen, die das, was sie tun, machen, weil sie es gerne tun. Und die das, was sie tun, deshalb in jeder Hinsicht sorgfältig tun. Aber vielleicht bin ich ja nur voreingenommen, weil ich beider Stile schätze.

Kurze Pause

Dass sich hier in der letzten Zeit nicht so viel getan hat, ist nicht darin begründet, dass ich nichts mehr wüsste, worüber es sich zu schreiben lohnt, sondern darin, dass mein anderes Leben gerade viel Zeit einfordert. Wollte ich nur mal gesagt haben.

Sonntag, 14. Oktober 2007

Was ist normal?

Ebenfalls im Zusammenhang mit dem Artikel zur Motivation hinter BDSM und Bondage bin ich auch wieder über Regina Lynns Wired-Kolumne Is 'Internet Normal' the New 'Sex Normal'? gestolpert. Sie schreibt darüber, was heute die Spannweite „normalen“ sexuellen Verhaltens ist, wie es Leute online in Kleinanzeigen, Foren etc. demonstrieren – und wie sehr sie immer betonen, dass sie „normal“ sind, egal wie abseitig ihre Vorlieben auch sein mögen.

Auf der einen Seite sieht sie die Aussagekraft dieser Behauptung als gegen Null gehend an – selbst der wahnsinnige Axtmörder könne schließlich schreiben „Ich bin normal“. Außerdem läuft das Betonen der Normalität gerade dem Bestreben zuwider, sich potenziellen Partnern als einzigartig und außergewöhnlich zu präsentieren. Lynn sieht darin einen Schutzmechanismus: Da im öffentlichen Bewusstsein das Netz nur so wimmelt von Ekelbatzen, Irren und Perversen, setzt man sich mit dieser Floskel von „denen da“ ab. Zugleich hat die Formulierung für sie zu sehr den Charakter einer Entschuldigung.

Doch Regina Lynn sieht einen positiven Aspekt an dieser Erscheinung: Je mehr sich die Menschen mit den sexuellen Interessen anderer befassen, desto breiter und nach Ansicht Lynns auch gesünder wird ihre Definition von „normal“.

Happiness is a tight rope: Der Glücksfaktor von Seilen

Der Artikel zur Motivation hinter BDSM und Bondage hat mich an etwas erinnert: Beim diesjährigen Weltkongress der World Association for Sexual Health (WAS) stand im April in Sydney zwei Mal Bondage auf dem Programm. Zumindest die Abstracts der Vorträge stehen in einem knapp 200-seitigen PDF online.

„Demographic and Psychosocial Features of Participants in BDSM Sex: Data form a National Survey“ präsentierte die Auswertung einer 2001/2002 in Australien durchgeführten Umfrage. Demnach besteht keine signifikante Beziehung zwischen BDSM-Aktivitäten und sexuellen Problemen. BDSM ist dem Vortrag zufolge eine für eine Minderheit der Bevölkerung attraktive sexuelle Spielart, aber kein krankhaftes Symptom für einen früheren Missbrauch oder Schwierigkeiten mit „normalem“ Sex.

„Aspects of Healthy Sexuality within the BDSM Lifestyle“ kam auf Basis einer zweijährigen Studie zu dem Schluss, BDSM sei unter Umständen gesünder als Vanilla-Sex. Das zugrundeliegende Konzept „gesunder Sexualität“ beinhaltet dabei ein Bewusstsein für Verantwortung und sexuelle Selbstbestimmung, Respekt für Vielfalt und Unterschiede, Freiheit von Diskriminierung und Gewalt. Sie wird unter anderem als Mittel des persönlichen Ausdrucks und der Verbesserung der persönlichen Lebensqualität definiert.

Warum BDSM und Bondage?

Ich bin gerade auf einen schon älteren Artikel in „Psychology Today“ aufmerksam geworden: In The Pleasure of Pain verspricht Marianne Apostolides im Untertitel „Find out why one in 10 of us is into S&M“. Der Text beleuchtet aus fachlicher Sicht einige Punkte, die ich unter Aspekte von Bondage zusammengetragen habe.

Apostolides geht von den Ergebnissen einer Umfrage aus, die Charles Moser, Ph.D., M.D., vom Institute for Advanced Study of Human Sexuality in San Francisco durchführte, um der Motivation für BDSM auf den Grund zu gehen. Demnach haben zehn Prozent der Befragten mit SM und Bondage zumindest experimentiert.

Für viele ist dies eine Möglichkeit, loslassen zu können, sich fallen zu lassen, eben zu fliegen: „Manche Leute müssen gefesselt werden, um frei zu sein“, beschreibt es einer der Umfrageteilnehmer. Die entscheidende Komponente ist dabei nicht der Schmerz oder die Bondage an sich, sondern das Wissen, dass eine Person die absolute Kontrolle über eine andere hat.

Dem Artikel zufolge mischen sich therapeutische Aspekte mit einem sexuellen Verstärkereffekt. Der Sozialpsychologe Roy Baumeister, der sich auf die Untersuchung von Selbst und Identität spezialisiert hat, betont, dass BDSM weit mehr als traditioneller Sex den Abbau aufgestauter sexueller und emotionaler Energie erlaubt, selbst wenn Sex bei einer Session gar nicht im Mittelpunkt steht: „Eine gute Session endet nicht mit einem Orgasmus, sondern einer Katharsis.“

BDSM ist ein Weg, den Zwängen des Alltags und dem damit verbundenen Stress zu entkommen. BDSM-immanente Regeln und Rituale schaffen dabei einen beruhigenden, festen Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens können die Teilnehmer eines Spiels Gefühlen und Handlungen freien Lauf lassen, die sie sonst nicht ausleben können.

Apostolis unterscheidet deutlich zwischen pathologischem Sadismus und BDSM: „Letzten Endes sind die Bestandteile eines guten BDSM-Spiels – Kommunikation, Respekt und Vertrauen – die gleichen wie bei gutem traditionellen Sex. Das Ergebnis ist dasselbe, ein Gefühl der Verbundenheit zu Körper und Selbst.“ Baumeister rät, den therapeutischen Aspekt nicht überzubewerten: „Nach psychologischen Begrifflichkeiten lässt BDSM es einem nicht besser gehen, und es lässt es einem nicht schlechter gehen.“

Detail am Rande: In den USA ist BDSM seit den 1980ern nicht mehr als psychische Störung eingestuft; allerdings ist es im ICD-10, der internationalen Klassifikation von Krankheiten, immer noch explizit als solche aufgeführt.