Samstag, 21. Juli 2007

Vom Wert des Übens

Als Bondage-Liebhaber hat man es nicht einfach. Da hast Du endlich jemanden gefunden, der sich verschnüren lassen will. Sie/er ist begierig darauf, sich Dir auszuliefern und zu genießen, was Du mit ihm oder ihr anstellst, sobald Du ihn oder sie gefesselt hast. Und Du? Du bist auf einmal nervös wie noch nie zuvor, hast das Gefühl, nur noch Daumen an den Händen zu haben, kannst Dich an keinen Knoten mehr erinnern und knödelst hektisch die von Dir lange für genau diesen Moment aufgesparten Seile irgendwie an Dein williges Opfer, während Dir der Schweiß ausbricht.

Oder Du beobachtest auf einer Party, wie elegant und zugleich schnell und ökonomisch ein Bondage-Top seine Partnerin verpackt – und siehst Deine Chancen schwinden, je eine passende Partnerin für Dich zu interessieren, weil Deine eigenen Bondagefähigkeiten meilenweit von den dort demonstrierten Künsten weg sind.

Oder Du siehst ein absolut perfektes Bondage-Foto und fragst Dich: Wie zum Teufel hat der das gemacht?

Wenn Dir das alles bekannt vorkommt: Keine Panik. Auch ein Shibari-Meister fällt nicht vom Himmel. Bondage ist nicht nur eine vergnügliche Freizeitbeschäftigung im sexuellen Kontext, sondern besitzt außerdem Merkmale eines Handwerks. Ihre Schönheit und Perfektion ergeben sich aus der Beherrschung der nötigen Grundlagen, Abläufe und Fähigkeiten. Noch wichtiger: Das Wohlbefinden Deines Gegenübers hängt davon ab, dass Du weißt, was Du tust.

Willst Du Bondage von der aktiven Seite betreiben, kommst Du um ein gewisses Maß an Übung nicht herum. Der Lohn der Mühe ist mehr Spaß für alle Beteiligten – und weniger Risiko. Die Grundlagen für das Erlernen der nötigen Fertigkeiten, wie sie auch Otto Friedrich Bollnow in „Vom Geist des Übens“ beschreibt, sind im Grunde Jahrtausende alt: Übe richtig, übe mit Maß und Ziel, übe beständig. Du kannst als Neuling nicht aus dem Stand die tolle Suspension nachmachen, die Du auf der Boundcon gesehen hast. Für den Anfang reicht es, wenn Du Dich nicht in Deinen Seilen verhedderst und die Fesseln nicht herunterfallen, sobald Dein Opfer sich bewegt. Der Rest kommt mit der Erfahrung, ebenso wie die anfängliche Nervosität nachlässt.

Beginne mit den Grundlagen. Lerne Knoten, die zuverlässig halten, aber auch wieder aufgehen, wenn sie es sollen. Übe die richtige Seilführung; wenn Du keinen willigen Partner hast, dann an Dir selbst oder an Gegenständen. Lerne, wie locker „fest“ und wie fest „locker“ sein muss, um zu funktionieren, ohne Schaden anzurichten. Steigere Dich dabei, aber langsam: Masse ist nicht Klasse – besser ein kompaktes Repertoire, das Du beherrschst, als ein unübersehbares Sammelsurium halbverdauten Wissens. Versuche nichts zu erzwingen, übe, solange es Dir Spaß macht, und sorge mit Abwechslung dafür, dass es Spaß bleibt. Setz Dir dafür ein Ziel, das Dich motiviert. Aber übe regelmäßig, damit Du von dieser Übung profitierst. Du bist es Deinem Partner bzw. Deiner Partnerin schuldig.

Auch wenn öffentliche Bondage-Vorführungen bisweilen diesen Eindruck hervorrufen, geht es beim Fesseln nicht darum, Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen. Natürlich willst Du Dein Gegenüber nicht warten lassen oder gar langweilen. Aber der Weg dorthin führt nicht über hektisches Hudeln. Stattdessen gilt die Maxime Slow is smooth, smooth is fast. Eine Aktion, die bedacht und flüssig ausgeführt wird, ist in der Regel schneller als eine, die unüberlegt und mit Zeitersparnis im Blick ausgeführt wird. Ein häufig und überlegt trainierter Bewegungsablauf, sei es ein Knoten oder das Anlegen eines Shinjus, verankert sich im Muskelgedächtnis. Du musst nicht mehr nachdenken, wie Du das Seil führen musst, Deine Finger wissen es schon. Und weil Du nicht mehr darüber nachdenken musst, geht Dir die Aktion schnell und sicher von der Hand.

Zuweilen nimmt das Muskelgedächtnis das Heft auch dann in die Hand, wenn es das gar nicht soll: Beim ersten Bondage-Workshop, den ich gehalten habe, wollte ich als abschreckendes Beispiel einen für Bondagezwecke ungeeigneten, da unsicheren Altweiberknoten vorführen. Erst im dritten Anlauf habe ich den Teilnehmern keinen Kreuzknoten gezeigt.

Kommentare:

PenelopeSmith hat gesagt…

Schön geschrieben - und wie wahr! Gedanken machen darüber, was /derdie PartnerIn sagt? Warum? Ich habe festgestellt; Übungen machen nur zu zweit Spaß und Anfeuerung braucht (grade) auch ein Master... WO der doch sowieso die meiste "Arbeit" hat.

*winkrüber* Penny

The Jester hat gesagt…

Danke Penny *kappelüpf*. Ich denke, auf diese Anregung werde ich noch zurückkommen.

Anonym hat gesagt…

Klasse Text!!!

Vielen aber auch garnicht bewußt...

Sie schaun sich zwar Jahre lang Bilder an, träumen vor sich hin, bilden sich ein....
"sie seien davon schon instande selbiges tun zu können"
Kommen aber mit nichten auf die Idee das dazu mehr gehört, als Bilder anschauen und vor sich hinträumen.

Zuhören, Hinfühlen, Ausprobieren, sich Revidieren, nochmal das Ganze, macht auch viel Spaß und Freude, beinahe mehr als alles gleich wie ein Kenner zu können.

In diesem Sinne
boesemeist