Sonntag, 23. März 2008

Absturzsicherung – auch für Tops

Bei aller Einvernehmlichkeit im Spiel ist eine Bondage- oder SM-Session immer auch eine Gratwanderung. Das Risiko eines Absturzes besteht grundsätzlich, der Auslöser kann völlig banal sein. Eine unangenehme Erinnerung, eine Berührung im falschen Moment kann die Stimmung kippen lassen. Vor Absturz und unsanfter Landung sollen Safeword und Ampelregel schützen. Als positiver Nebeneffekt kann sich das „Opfer“ bei raueren Spielen nach Herzenslust wehren, ohne dass Top ständig nachfragen muss, ob das lautstarke „Nein“ samt Fluchtversuch jetzt ernst gemeint ist.

Das Safeword stellt vor allem zwischen zwei noch nicht so vertrauten Partnern das Gegenstück zu Schleudersitz oder Fallschirm-Reißleine dar – Stopp, Abbruch, Ende der Session. Die Ampelregel ermöglicht dagegen eine abgestufte Reaktion: Grün steht für „Alles o. k., weitermachen“, Gelb für „Achtung, nicht mehr heftiger“ und Rot für „Stopp, aufhören, es wird zuviel“.

Entscheidend dabei ist, dass Ampel und Safeword keine Privilegien von Sub/Bottom sind. Eine ganze Reihe von Tops scheint nicht zu realisieren, dass sie ebenfalls ein Spiel so unter- oder abbrechen können. Klar wurde mir dies in einer langen Unterhaltung mit einem Gleichgesinnten, der als Dom einige Male böse an die Wand gelaufen ist. Mit noch wenig realen Erfahrungen hatte er sich an den Vorbildern, Sprüchen und Klischees der BDSM-Szene orientiert. Bei Spielen auf Partys – mit Gästen ebenso wie bei anderer Gelegenheit mit Bekannten – geriet er dabei mangels Vertrautheit und Routine in die Falle. Irgendwann war jeweils der Punkt erreicht, an dem ihm die Situation über den Kopf wuchs. Doch ihm spukten die Vorstellungen darüber im Kopf herum, was ein „echter Dom“ tut und nicht tut. Also machte er weiter bis zum bitteren Ende: CFIT als Schlusspunkt der Session.

In seinem Bemühen, die Rolle des großen bösen Doms auszufüllen, hatte mein Bekannter nicht mehr auf seine Bedürfnisse geachtet. Die daraus resultierenden Abstürze hingen ihm lange nach. Es war eine Offenbarung für ihn, als ihm klar wurde, dass er eine Session einfach stoppen kann, ohne sich einen Zacken aus der Krone zu brechen. Dabei ist es doch ganz einfach: In einer Session hat jeder der Beteiligten das Recht zum Abbruch. Ohne Diskussionen. Kein „Jetzt hab Dich nicht so.“, kein „Vergiss es!“. Diskutiert wird hinterher.

Natürlich gibt es Wege, einen Abbruch nicht als harten Bruch erscheinen zu lassen. Gerade ein Top, der das Spiel beenden will, weil die eigenen Grenzen erreicht sind, muss sein Gegenüber nicht einfach auf dem Boden der Realität aufschlagen lassen, sondern kann es langsam „heruntersprechen“. Das setzt allerdings voraus, dass sich Top über sein Befinden bewusst ist und rechtzeitig die Bremse zieht. Als „Nur-Bondager“ ist man einem traditionellen BDSMer gegenüber dabei nicht unbedingt im Vorteil. Auch wenn man eventuell weniger Ballast in Form von Rollenklischees mitschleppt, gibt es doch auch hier eine bestimmte Erwartungshaltung, die einem in die Quere kommen kann.

Kommentare:

Penny hat gesagt…

Ein super Artikel!
Den musst Du unbedingt in das BLog stellen!

The Jester hat gesagt…

Der steht doch schon im Blog... Ach so, Du meinst das andere. *veg*

Da sollte ich ihn vermutlich etwas umarbeiten.